Der DogInstinkt-Buchtipp
Willkommen zu Buchtips der etwas anderen
Art ! Hier finden Sie spannende Lektüre von Autoren, die auch "heiße Eisen"
anpacken. Überzeugen Sie sich !
Michael Moore "Stupid White Men"
Eine Abrechnung mit dem Amerika unter George W. Bush Piper. Dieses Buch führte
wochenlang die "SPIEGEL"-Bestsellerliste an und läßt sich wärmstens empfehlen.
Wer es noch nicht hat, sollte es sich schleunigst besorgen. Die Lektüre wird ihm
Freude bereiten und Schwung ins Sommerloch bringen. Satiriker und Filmemacher
Michael Moore vermittelt darin in witziger, bisweilen selbst-ironischer Manier
alles Wissenswerte über die politische und geistige Verfassung der
amerikanischen Gesellschaft zu Beginn des 21.Jahrhunderts.
Und mit der ist es nicht zum Besten bestellt: Im weißen Haus hockt ein
Präsident, der nie gewählt wurde. Der eigentlich gewählte Präsident heißt Al
Gore. Nur dank Wahlmanipulationen in dem von seinem Bruder Jeb regierten
Bundesstaat Florida (Tausende Wähler, zumeist Schwarze, wurden aus den den
Wahlregistern gestrichen, weil sie entweder vorbestraft waren oder den gleichen
Nachnamen wie Vorbestrafte trugen, dazu wurden Briefwahlstimmen gezählt, die
nach geltendem Wahlrecht ungültig waren) und mit Hilfe befangener Bundesrichter,
die die Nachzählung stoppten, konnte George W. Bush mit seiner "Junta",
bestehend aus fast derselben Mannschaft, die bereits unter seinem Vater am Ruder
war, ins Weiße Haus einziehen.
Nun werden die USA von einem Präsidenten regiert, der nicht nur bereits zwei
Kriege führte, sondern seinen gesamten Werdegang einzig seiner Herkunft zu
verdanken hat. Der Name Bush ermöglichte ihm das Studium an den renommierten
Universitäten Yale und Harvard, für die er ansonsten keine Zulassung erhalten
hätte.
Dieser Name ließ ihn zwei Firmenpleiten unbeschadet überstehen und ihn weder
über seine Lese- und Rechtschreibschwäche noch seine Alkoholprobleme stolpern.
Moore karikiert Bush als Abkömmling einer satten, reichen Oberschicht, der alles
nachgeschmissen wird, die sich alles erlauben kann. Nicht zuletzt deshalb, weil
ihre Interessen von den beiden großen politischen Parteien, konservativen
Republikanern und liberalen Demokraten, gleichermaßen bestens vertreten werden
(in Deutschland läuft es mit SPD u. CDU nicht anders).
Unter dem Demokraten Clinton wurde in den USA der 90er Jahre republikanische
Politik vom Feinsten betrieben. U. a. wurden Millionen von sozial Schwachen aus
Sozialhilfe und Krankenversicherung gedrängt, die Vermögenssteuer gesenkt und
nichts gegen die Arsen-Belastung des Trinkwassers unternommen.
Da Demokraten und Republikaner nur die wohlhabenden 10 % des Landes vertreten,
deren Vermögen auch in Krisenzeiten wachsen, fordert Moore vehement eine
politische Vertretung für die restlichen, benachteiligten 90 % der Bevölkerung.
An die Spitze einer solchen Partei oder Bewegung gehören nach seiner Ansicht
Leute wie der Grüne Ralph Nader. Er spricht aus, was Sache ist und ließ sich bis
heute nicht kaufen und verbiegen.
Moore kennt und schätzt Nader aus Zeiten der persönlichen Zusammenarbeit. Er
hält einen Politikwechsel für längst überfällig, denn die Lage der Nation ist
alles andere als rosig: Schwarze werden nach wie vor wie Menschen zweiter Klasse
behandelt. Sie bekommen miesere Jobs, landen schneller und häufiger im Gefängnis
oder sogar in der Todeszelle und werden aus Wahlregistern gestrichen. Das Verbot
der Rassendiskriminierung existiert nur auf dem Papier. Auch Frauen werden nach
wie vor massiv benachteiligt. Sie erhalten niedrigere Gehälter als ihre
männlichen Kollegen, werden Opfer häuslicher männlicher Gewalt und dürfen aus
religiös motivierten Gründen (Schutz des ungeborenen Lebens) nicht abtreiben, es
sei denn nach Vergewaltigungen.
Der arbeitenden Bevölkerung geht es zunehmend schlechter. Fluggesellschaften
zahlen ihren Piloten oftmals so niedrige Einstiegsgehälter, dass diese gezwungen
sind, Suppenküchen zu besuchen, um sich und ihre Familien durchzubringen. Der
Bildungssektor wird kaputt gespart, Bibliotheken werden geschlossen, den
Schülern veraltetes Lernmaterial aus den 60er Jahren zugemutet. Viele Schulen
machen sich von Sponsoren wie Coca-Cola abhängig, treten als deren Werbeträger
auf. Dies alles und noch viel mehr ist auf dem Mist der "stupid white men"
(dumme weiße Männer(=homo Krause)) gewachsen. Sie treiben die Mehrheit der
Weltbevölkerung ins Elend, verkaufen sie für blöd und ruinieren den gesamten
Planeten.
Moore gibt dem (amerikanischen) Leser Ratschläge, wie er sich dagegen zur Wehr
setzt, in dem er seine Rechte geltend macht. Sein Buch prangert nicht nur auf
witzige Weise an, sondern zeigt Alternativen auf und ermuntert zu mehr
Zivilcourage. Es ist durchweg querkopfgemäß.
Der
Bücherwurm
Guillaume Paoli (Hg.)- Mehr Zuckerbrot, weniger
Peitsche
Aufrufe, Manifeste und Faulheitspapiere der "Glücklichen Arbeitslosen"
Zu
den wenigen Gruppierungen, die begriffen haben, dass das Zeitalter der
Vollbeschäftigung für immer der Vergangenheit angehört, zählen die
"Glücklichen Arbeitslosen". Seit 1996 stellen sie dem Schrei nach dem sich
verknappenden Gut 'Arbeit' den Schrei nach einem besseren Leben entgegen. Ein DogInstinkt gemäßes Ansinnen.
Sich unter sich verschlechternden
Arbeitsbedingungen und sinkenden Löhnen ausbeuten zu lassen, kann unmöglich
der Sinn des Lebens sein. Da die Tretmühle immer weniger Menschen Platz
bietet, finden es die 'Glücklichen Arbeitslosen' nur recht und billig, wenn
alle, die auf das knappe Gut 'Lohnarbeit' bzw. die irrsinnige Konkurrenz um
den letzten Rest davon freiwillig verzichten, angemessen entlohnt werden. Ist
der Arbeitslose unglücklich, so eine ihrer Kernthesen, dann nicht, weil ihm
die Arbeit fehlt, sondern das Geld. Warum ihr/ihm nicht das Geld direkt geben,
anstatt ihn/sie durch einen unmenschlichen Verwaltungsapparat zu schleifen und
mit Umschulungsmaßnahmen und anderen Scheinbeschäftigungen das Leben zu
vermiesen ?
Die Fixierung auf bezahlte Beschäftigung um jeden Preis ist
lächerlich und kontraproduktiv. Jemand, der sich außerhalb der Erwerbssphäre
bewegt, hört nicht auf, ein soziales Wesen zu sein. Im Gegenteil: Er wird erst
in die Lage versetzt, soziale Kontakte zu knüpfen, von denen er als
vereinzelte Arbeitsnomade nicht einmal zu träumen wagte. Er oder sie kann sich
Ruhe und Muße gönnen, sich in Besinnlichkeit üben und hierüber zu einer
sinnvollen Lebensgestaltung finden.
Diese Auffassung wirkt ketzerisch. Sie
kratzt nicht nur an der Heiligenstatue des braven Arbeitsfrontsoldaten,
sondern straft das allgemein verbreitete, verblenderische Vorurteil Lügen,
Arbeitslose würden antriebslos, also "faul" mit der Bierflasche in Griffweite
vor dem Fernseher herumhängen, ohne den Job nichts mehr mit sich anzufangen
wissen und so langsam, aber sicher geistig-seelisch-moralisch verwahrlosen.
Dieses Bild trifft nur auf eine kleine Minderheit von Arbeitslosen zu. Es hat
nichts zu tun mit der müßigen Daseinsweise, die den 'Glücklichen Arbeitslosen'
vorschwebt. Deren Bewegung hat bereits öffentliches Aufsehen erregt. Der Tenor
ist geteilt.
Aus konservativen Kreisen hagelt es Vorwürfe Richtung
Arbeitskraftzersetzung und Schmarotzertum auf Kosten des Allgemeinwohls. Die
linksradikale Ecke hält den 'Glücklichen Arbeitslosen' entgegen, ihre Entwürfe
würden zur künstlichen Verlängerung des Kapitalismus beitragen. Existenzgeldbefürwörter bekommen Ähnliches zu hören. Weder sie noch
'Glückliche Arbeitslose' lassen sich dadurch beeindrucken und halten am
Konzept des zwangfreien Tuns nach Lust und Laune fest. 'Glückliche
Arbeitslose' üben sich in Gelassenheit und lehnen in diesem Sinne die straff
organisierten Aktivitäten linker Gruppen ab, da diese darin nichts anderes als
die Arbeitswelt mit ihrer hektischen Betriebsamkeit abbilden. Nichtsdestotrotz
stehen sie linken Konzepten aufgeschlossen gegenüber. Ein Existenzgeld ist für
sie ebenso denkbar wie die Bildung freier Vereinigungen, anstelle von
Parlamenten und Gremien. Sie finden, dass die einzelnen Konzepte sich nicht
gegenseitig ausschließen, sondern einander ergänzen.
Einzig störend empfinden
sie den dogmatischen Anspruch jeder Gruppierung auf die Allgemeingültigkeit
ihres Gesellschaftsentwurfs. Diesen Dogmatismus gilt es, zu überwinden.
Gleiches trifft auf die Zwangsarbeit, aber auch generell auf die Diktatur der
Ökonomie zu. Diese droht inzwischen das gesamte, menschliche Leben zu
verschlingen. Erkennbar daran, dass vom Neuzeitbürger inzwischen verlangt
wird, auch in seiner Freizeit "aktiv" zu sein und Leistung zu bringen (Sport,
fröhliches Heimwerken usw.). Hier wollen die 'Glücklichen Arbeitslosen'
gegensteuern und der totalitären Herrschaft der Ökonomie wieder mehr
Lebensbereiche entreißen, d.h. den Alltag "entökonomisieren". Vorbild sind
kleine, dörfliche Nischenwirtschaften, wie sie vielerorts in Afrika oder
Russland existieren. Sie werden zwar im Schatten des Weltmarkts nicht
wahrgenommen, sichern jedoch im Gegensatz zu jenem das Überleben eines
Großteils der dortigen Bevölkerung. Ließen sich diese kleinen Nischen mit der
großen Weltwirtschaft in Einklang bringen, würde die Menschheit auf eine
lebenswerte Zukunft zusteuern. Man könnte im Kleinen wie im Großen beschaulich
miteinander auskommen. Jenseits von Ausbeutung und Arbeitszwang. Doch wie
immer die Zukunft aussehen mag, die Tage der alten Arbeitsgesellschaft sind
gezählt.
Hinsichtlich des Charakters dieser Gesellschaft und ihrer
Wirtschaftsweise trifft die Kritik der 'Glücklichen Arbeitslosen' ins Mark. In
ihrem Manifest heißt es: "Gerade, weil Geld das Ziel der Arbeit ist und nicht
ihr gesellschaftlicher Nutzen, existiert Arbeitslosigkeit." Das belegt allein
die Tatsache, dass zwei Drittel notwendiger gesellschaftlicher Arbeit wie
Kindererziehung, Haushaltsführung (Kochen, Putzen, Einkaufen usw.) und die
Betreuung alter und behinderter Menschen unbezahlt bleibt. Sie wird innerhalb
des Verwandten- und Bekanntenkreis oder einer ehrenamtlichen Tätigkeit
erbracht. Ohne diese Arbeit könnte die Gesellschaft nicht existieren. Sehr gut
kann sie dies aber ohne mind. zwei Drittel der bezahlten Beschäftigung, weil
diese nichts von gesellschaftlichem Wert hervorbringt.
Welchen Sinn hat z.B.
der gigantische Verwaltungsapparat mit seiner aufgeblähten Bürokratie und seinem
Kosmos an Bestimmungen ? Die Werbebranche bombardiert uns tagein, tagaus mit
ihren Botschaften, die nur eines zum Ziel haben: In uns künstliche Bedürfnisse
nach überflüssigen Produkten zu erwecken. Wie viele Menschen decken sich im
Kaufrausch mit Ramsch ein, um ihren Arbeitsfrust zu verdrängen ? Die Industrie
produziert in der Hauptsache für Besitz und Reichtum privilegierter
Minderheiten. Wo dient die Produktion von immer mehr Autos, die die Umwelt
verpesten und für die immer mehr Straßen gebaut und Landschaften zerstört
werden, dem Allgemeinwohl ? Wem nützt das ganze Kriegsspielzeug, das nur die
Vernichtung menschlichen Lebens zum Ziel hat ? Was sollen wir mit überflüssigen
Müllverbrennungsanlagen und leerstehenden Bürotürmen, die von der Steuer
abgeschrieben werden ?
Die Arbeit, die überall hier geleistet wird, ist
entweder Beschäftigungstherapie im gehobenen Stil oder Dienst am Profit. Wer
freiwillig auf sie verzichtet, leistet für die Menschheit Wertvolleres als
der, der sie verrichtet. Eine Erkenntnis, die allein den schwachsinnigen
Schrei nach Arbeit verstummen lassen sollte. 'Die glücklichen Arbeitslosen'
tragen das ihrige dazu bei, in dem sie Perspektiven jenseits der
Zwangsarbeitsgesellschaft eröffnen. Dem Grundsatz folgend: Das Leben ist zum
Genießen da, nicht zum Arbeiten.
Deserteur von der Arbeitsfront
Noam Chomsky- "War Against People"
Menschenrechte und Schurkenstaaten, Europa-Verlag
USA= Unübertroffen größter Schurkenstaat von Allen. So könnte man die
Kernaussage dieses Buches formulieren. Zur Begründung verweist der
globalisierungskritische prominente amerikanische Gelehrte Noam Chomsky auf
die zahlreichen Brüche internationalen Rechts durch US-Administrationen in der
jüngeren Weltgeschichte. Amerika meint, Demokratie und Menschenrechte für sich
gepachtet zu haben. Deshalb kümmert man sich nicht um UN-Beschlüsse, Urteile
internationaler Gerichtshöfe und ähnlichem, was den Verdacht erweckt sich
nicht zu 100 % mit amerikanischen Interessen zu decken.
Diese konzentrieren
sich in erster Linie auf den Zugang zu Rohstoffen, Schlüsselmärkten und die
politische Kontrolle entprechender Vorkommensgebiete. Die Liste der
Verfehlungen beim Ausbau der eigenen Vorherrschaft im Gerangel um profitabele
Märkte ist nahezu endlos, die von Uncle Sam angerichteten "Kollateralschäden"
gehen ins Unermessliche.
Auf Ost- Timor wurden durch die Invasion der US-gestützten indonesischen Armee über zwei Jahrzehnte Hunderttausende
Menschen getötet oder vertrieben. Bis heute spürbar sind die Folgen des
Vietnam-Krieges, der in Südvietnam ganze Landstriche entvölkerte und
verwüstete und durch den Einsatz chemischer Kampfstoffe wie dem
Entlaubungsmittel 'Agent Orange' nachfolgende Generationen der vietnamesischen
Bevölkerung mit Krankheiten und Missbildungen belastete.
1986 wurden die USA
wegen ihrer massiven militärischen Unterstützung der rechts gerichteten
Contra-Rebellen in Nicaragua durch ein Urteil des Weltgerichtshofes zum
Rückzug und zur Leistung von Reparationen aufgefordert. Die Aufforderung wurde
schlicht ignoriert.
Man braucht sich nicht zu wundern, wenn die US-Regierung
heute dem Internationalen Strafgerichtshof ihren Segen verweigert. Sie will
verhindern, dass US-Soldaten in ihrem aufopferungsvollen und heldenhaften
Einsatz für Freiheit, Demokratie und Menschenrecht wegen bedeutungsloser "Kollateralschäden"
angeklagt werden. Wie z.B. die Bombardierung extrem terrorverdächtiger
afghanischer Hochzeitsgesellschaften. Das ginge nun wirklich zu weit, nachdem
man der afghanischen Zivilbevölkerung soviel Gutes bescherrt hat, besonders
solche Nettigkeiten wie Nahrungsmittelpakete und Streubomben.
Ähnlich ironisch
könnte es Chomsky kommentieren. Sein Buch erschien bereits September vorigen
Jahres, logischerweise finden die Terroranschläge des 11.September und der
Afghanistan-Krieg noch keine Berücksichtigung. Das tut der Aktualität von
Chomskys Ausführungen keinen Abbruch. Eher wird deutlich, dass die Regierung
von Bush jun. im Grunde nur die von den Vorgängern eingeschlagene
außenpolitische Linie noch härter und rücksichtsloser verfolgt.
Im Moment
Richtung Irak. Auch zu dieser Problematik weiß Chomsky Interessantes zu
berichten: Saddam war nicht immer der böse Bube. Im Gegenteil: Bis zu seinem
Einmarsch in Kuwait 1990 war er sogar Uncle Sams Liebling und Verbündeter.
1981 durfte er ruhigen Gewissens im Krieg gegen den Iran Giftgas einsetzen,
was er später an der kurdischen Bevölkerung Iraks wiederholte. Amerikaner und
Briten hat das nicht groß gestört. Sie hatten gute Gründe: Bis 1989 wurde der
Irak mit Ausrüstung und technischen know-how zur Herstellung chemischer und
biologischer Kampfstoffe versorgt. Britische Firmen bedienten Saddam damit
sogar bis 1996. Wozu wollen die UN ihre Inspekoren nach Bagdad schicken? Man
sollte vor der eigenen Haustüre bei den verantwortlichen amerikanischen und
britischen Firmen nachsehen. Im übrigen gibt der Irak ein hervorragendes
Beispiel dafür ab, wie einer Zivilbevölkerung auch ohne Militäreinsätze übel
zugesetzt werden kann. Stichwort Sanktionen: Durch die in der Hauptsache von
Amerikanern und Briten verhängten UN-Einfuhrbeschränkungen fehlt es der
irakischen Bevölkerung an sauberem Wasser, Medikamenten und Nahrungsmitteln.
Die Folge: Monatlich sterben min. 5000 Kinder.
Das Paradebeispiel für
knallharte US-Sanktionspolitik über Jahrzehnte bleibt Kuba, der ewige Dorn im
Auge Uncle Sams. Bis heute hat man die Karibikinsel mit ihrem Präsidenten
Castro, der die den Amerikanern unangenehme Idee verfechtet, dass die Leute
ihre Angelegenheiten in die eigenen Hände nehmen sollten, nicht kleingekriegt.
Verwundert mag man sich die Augen reiben und fragen, wie die USA auf Grund
ihrer zahlreichen Verfehlungen mit den Millionen Menschenleben, die man auf
dem Gewissen hat, es überhaupt noch wagen können, das Wort "Menschenrecht" in
den Mund zu nehmen, ohne rot zu werden. Die Antwort liegt Chomsky zufolge in
der amerikanischen Definition des Ausdrucks "Person". Darunter fallen nicht
nur Menschen aus Fleisch und Blut, wie es die ursprüngliche
Menschenrechtserklärung vorsieht, sondern inzwischen auch "juristische
Personen" wie Geschäftszweige, Handelsgesellschaften, Konzerne und Verbände.
Längst sind deren Belange denen Normalsterblicher übergeordnet. Kraft solcher
Rechtsauffassung kann man guten Gewissens behaupten, die Menschenrechte zu
verteidigen, in dem man in Afghanistan und anderswo Tausende von Zivilisten
ins Jenseits bombt. Das historische Gewaltmittel Krieg wird zum humanitären
Heilsbringer uminterpretiert.
Wirtschaftlich bedeutet es, dass internationale
Megakonzerne weltweit praktisch ungehindert nach Belieben schalten und walten
können. Längst beherrschen sie auch den Mediensektor und die Meinungsbildung.
Der Normalmensch merkt nicht, wie er Tag für Tag mit kapitaltragenden
Ansichten gespeist wird. Die Wahrheit stirbt nicht erst im Krieg. Die reichen
Machteliten wünschen sich willige, unkritische Konsumenten anstelle von
aufgeklärten Menschen, die an Lebens- und Arbeitsqualität interessiert sind
und für ihre Rechte notfalls auf die Straße gehen. Chomsky: "Die Mächtigen
haben begriffen, wie wichtig es ist, das Recht auf freie Meinungsäußerung und
demokratische Beteiligung einzuschränken."
Die Weltbevölkerung wird nicht nur
materiell durch Konsum in reichen Ländern und finanziell durch die
Verschuldung armer Länder, sondern auch geistig in Abhängigkeit gehalten. Sie
soll nicht auf die Idee kommen, sich selbstständig zu machen und ihre auf dem
Papier verbürgten Rechte einzufordern. In diesem Fall wäre seitens der
Machteliten von einer "Krise der Demokratie" die Rede. Helmut Kohl würde vom
"Druck der Straße" sprechen.
Das Zeitalter von Neoliberalismus und
Globalisierung sieht mit dem Ausbau und der rechtlichen Stärkung der Position
großer Konzerne gleichzeitig den weltweiten Abbau sozialer Errungenschaften
bei zunehmender Verarmung immer größerer Bevölkerungsschichten vor. Dennoch
ist diese Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung nach Chomskys Befinden nicht
so alternativlos, wie sie sich selbst gern präsentiert. Sie beruht auf
Entscheidungen von Menschen, die in von Menschen geschaffenen Einrichtungen
sitzen. Diese können zerschlagen werden, was in der Geschichte oft genug
passierte. Sie wird dafür sorgen, dass Chomsky und andere kritische Köpfe
Recht behalten.
Uncle Sams bessere Hälfte
Werner Rügemer - "Colonia Corrupta"
Globalisierung, Privatisierung und Korruption im Schatten des Kölner Klüngels,
erschienen in Verlag "Westphälisches Dampfboot", 2002
Wie heiß das Eisen ist, das Rügemer hier angepackt hat, belegt die Tatsache,
dass der Autor nicht nur zahlreiche Verleumdungsklagen ertappter Amts- und
Würdenträger abzuwehren hatte, sondern ein halbes Jahr benötigte, um einen
Verlag ausfindig zu machen, der dieses brisante Buch druckte. Den einen war
das Thema angeblich zu kölnisch, den anderen zu unaktuell. Bessere Ausreden
hatte man nicht auf Lager.
Wahrscheinlich bekam man angesichts der schonungslosen Enthüllungen des
kommunalen Kölner Korruptionsfilzes kalte Füße. Vielleicht fühlte man sich gar
auf dieselben getreten. Rügemer weist darauf hin, dass der Kölner Klüngel im
Zeitalter der Globalisierung keine Ausnahme, sondern eine typische Erscheinung
ist. Global tätige Großunternehmen verbergen sich in deutschen Kommunen hinter
der Mittelstandsmaske und sichern sich mittels Bestechung lukrative Aufträge.
"Colonia Corrupta" bietet auf diesem Gebiet das, was gewisse Politiker
vollmundig als "brutalst mögliche und rückhaltlose Aufklärung" beschwören.
Kölner Großbau-Projekte wie die Müllverbrennungsanlage, die Köln-Arena, das
technische Rathaus oder der Vorfluter Süd erscheinen als das, was sie sind:
Überflüssige Prestige-Objekte, an denen niemals öffentlicher Bedarf bestand,
die jedoch Millionen und Abermillionen öffentlicher Gelder verschlingen bzw.
in private Taschen von Müllunternehmern, Baukonzernen, Banken und nicht
zuletzt Kommunalpolitikern lenken. Hinzu gesellen sich Geldwäsche,
Insidergeschäfte, unsaubere Verträge, ungenehmigte Grabungen, illegale
Einleitung von Industrieabwässern in die städtische Kanalisation und eine
ausgeprägte Selbstbedienungsmentalität kommunaler Polit-Spitzen.
Die Klüngelei
verwischt dabei die Grenzen zwischen legal und illegal in dem Maße wie
zwischen Aufsichts- und Stadtrat. Öffentliche Interessen werden privater
Bereicherung geopfert. Auch Partei-Grenzen spielen keine Rolle. Vertreter von
CDU/CSU verweisen mit Vorliebe auf die Kölner Müllaffäre als von Haus aus
angelegten SPD-Sumpf. Sie sollten sich zurückhalten.
Denn: Müllunternehmer Trienekens ist CDU-Mitglied und bediente sich der Hilfe
mancher CDU-Ratsherren und Bürgermeister beim Aufkauf kommunaler
Abfallgesellschaften. Der rote Filz geht nahtlos in den schwarzen über.
Während sich bei Korruptionsaffären gern einseitig auf die bestochenen
Politiker
eingeschossen wird, berücksichtigt Rügemer in seinem Buch auch die Seite der
Anschmierer und Bestecher. Neben RWE-Trienekens und Steinmüller nimmt er die
Machenschaften des in Köln alteingesessenen Bankhauses Sal. Oppenheim wie
überhaupt der gesamtem Industrie- und Handelskammer (IHK) aufs Korn.
Natürlich
bekommt auch das mit der IHK u. Oppenheim engstens verquickte
Meinungsmissbildungsmonopol des Kölner Traditionsverlages M. Dumont-Schauberg sein Fett ab. Dessen Hofschranzen füttern den Leser seit Jahrzehnten
mit gezielter Desinformation und halten ihn über die Klüngelei auf Chefetagen
im unklaren, nicht zuletzt, weil ihr Haus selbst mit von der Partie ist. Und
zwar ganz "frei", "unabhängig" und "überparteilich". Man ist ja ach so
liberal.
Liberal heißt aber nicht unbedingt objektiv. Aus diesem Grund wird
auch gern um die eigene Rolle im dritten Reich herumgeschrieben und vergessen,
dass Kurt Neven-Dumont 1932 Hitler als den "richtigen Mann" bezeichnete.
Rügemers Recherchen über die braune Vergangenheit des Kölner Klüngels fördern
weiteres von Interesse zutage. So trug die IHK Köln das ihrige zur
NS-Machtergreifung bei. Aus freien Stücken und nicht, wie man später gern
gehabt hätte, gezwungenermaßen, dem inneren Widerstand zum Trotz.
Man
versprach sich von der braunen Herrschaft bessere Renditen. Verdächtig Braunes
klebt auch am Stecken des Vorzeigekonzerns "Otto Wolff". Man betätigte sich im
"Dritten Reich" als "Hehler für Hitler" (Rügemer), in dem man bei der
Verscherbelung jüdischen Wertpapiervermögens half, das sich die Nazis
widerrechtlich angeeignet hatten. Das Ganze war bereits Thema einer vor
wenigen Monaten im WDR gesendeten Dokumentation.
Rügemer nimmt keine Rücksicht
auf große Namen, tote wie lebende Denkmäler.
Seine Enthüllungen werfen auch auf den beliebten, längstgedienten
Oberbürgermeister Kölns, Norbert Burger, kein gutes Licht. Dieser bezog in Amt
und Würden gleich fünf Einkommen: Als Ratsmitglied, Oberbürgermeister,
Landtagsabgeordneter, Ministerialdirektor im einstweiligen Ruhestand und
Rechtsanwalt. Ähnlich staunt der Laie über die ausgeprägte
Selbstbedienungsmentalität und Raffgier der Legende Konrad Adenauer, zu dessen
Zeit als Kölner Oberbürgermeister. Der große Alte aus Rhöndorf schreckte dabei
weder vor schwarzen Kassen noch vor Insidergeschäften zurück. Nach der Lektüre
dieses Kapitels braucht nach dem Vorbild, dem heutige Kohl- und Biedenköpfe
nacheifern, nicht mehr gefragt zu werden. Für das i-Tüpfelchen sorgt die
katholische Kirche, die Adenauer damals wie heute einen Heiligenschein
verleiht.
Rügemers Buch ist nicht nur informativ, sondern ironisch, witzig und
kurzweilig geschrieben- eine Wohltat für Dumont- geschädigte Leser (zu denen
auch der Schreiber dieser Zeilen zählt). Aus DogInstinkt-Sicht machen die aufgeführten
Daten und Fakten eines besonders klar: Das Gejammer der Kommunen über leere
Kassen als Folge angeblich zu hoher Sozialhilfekosten ist Schwachsinn bzw.
reine Ablenkung: Das Geld versickert ganz woanders, z.B. in städtischen
Abwasserkanälen.
Bleibt am Ende von Querkopf-Seite der Hinweis, dass die
kapitale Klüngelmafia an der Spitze von Unternehmen und Rathäusern ihre
schmutzigen Geschäfte niemals durchziehen könnte, ohne die tatkräftige Unterstützung der sog. "Schimmelschicht" aus kleinen Unter- und Möchtgernchefs
in den Zwischenetagen.
Hier sitzen die eigentlichen Verantwortlichen, befindet sich der eigentliche
Eisberg und zwar noch lange, nachdem ein Adenauer, Burger, Ruschmeier,
Trienekens, von Oppenheim und Neven-Dumont als dessen Spitze abgedankt haben.
Der Filz ist wie der Pilz: An der Oberfläche sieht man nur den Fruchtknoten.
Das eigentliche Netzwerk, das Mycel, verbirgt sich unsichtbar darunter und
existiert weiter, während der Knoten eingeht. Nicht zuletzt an die Addresse
des Mycels in den Zwischenetagen gilt es den letzten Satz in "Colonia Corrupta"
zu richten: "Wer die Korruption
nicht bekämpft, soll von menschlicher Würde, Rechtsstaat und Demokratie schweigen."
DogInstinkts-Leseteufel
Das Buch ist über
Redaktion@Querkopf.de " erhältlich
Preis: 15 Euro.
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